Das
Schlafzimmerfenster steht offen. Es ist nun auch nachts warm genug, und in der
frischen Luft schläft es sich besser, meint Mams. Leny dreht sich nochmals im Bett um. Sie hat keine Uhr im
Zimmer, aber es wird sieben sein. Sie kann noch liegen bleiben. Die Vögel haben
gerade erst angefangen zu singen. Leny lauscht. An
diesem Morgen wird das Vogelkonzert immer wieder von Flugzeuglärm übertönt. Der
Militärflughafen Ypenburg liegt in der Nähe.
Plötzlich hört sie ein paar Mal hintereinander dumpfes Grollen, wie von einem
weit entfernten Gewitter. Aber irgendetwas an diesem Grollen ist bedrohlich und
lässt die Fensterscheiben leise klirren. Als sie gleich darauf die aufgeregten
Stimmen ihrer Eltern und deren eilige Schritte auf der Treppe hört, weiß sie,
dass es kein Gewitter sein kann. Sie springt aus dem Bett und läuft ebenfalls
hinunter.
Im
Wohnzimmer ist das Radio aufgedreht. Paps und Mams
stehen, noch in Schlafanzug und Nachthemd, davor. Paps’ Arm liegt über Mams’ Schulter und sie lehnt sich an ihn, etwas, das Leny noch nie beobachtet hat, und das ihr Angst macht. Die
beiden lauschen so intensiv den Nachrichten, die hastig und abgehackt aus dem
Radio tönen, dass sie Leny erst bemerken, als diese
sich räuspert.
Paps
zieht seinen Arm zurück und beide drehen sich zu Leny
um. Mams sagt erschrocken: „Kind, es ist Krieg. Krieg
mit Deutschland.“
Aus
dem Radio kommen laufend Nachrichten. Fallschirmspringer sind in der Nähe von
Den Haag gelandet. Leny muss an Louis denken und an
Tante Olga und Onkel Jacques. Werden die Deutschen auf sie schießen? Ein
anderer Nachrichtensprecher berichtet von zahlreichen Bombenabwürfen.
„Der
Flugzeuglärm und das dumpfe Grollen vorhin“, schießt es Leny
durch den Kopf.
„Haben
sie bei uns auch Bomben fallen lassen?“, fragt sie ängstlich. Aber Paps und Mams antworten nicht. Ein neuer Nachrichtensprecher meldet
heftige Kämpfe am Grebbeberg, und dann warnt er die
Zuhörer eindringlich: „Nur diese Stimmen, die sie jetzt im Radio hören, sind
befugt, offizielle Berichte weiterzuleiten. Schenken sie fremden Sprechern
keinen Glauben!“
Irgendwann
kommt auch Carry hinunter.
„Es
hat mich niemand geweckt“, beschwert sie sich verschlafen, und als sie sieht,
dass alle noch im Pyjama sind, fragt sie: „Was ist los? Müssen wir nicht zur
Schule?“
In
der Tat zeigt die Pendeluhr im Salon kurz nach acht.
Paps
überlegt. Aus dem Radio sind keine Anweisungen diesbezüglich gekommen. Aber auf
der Straße gehen nur sehr vereinzelt Kinder.
„Heute
nicht“, entscheidet er.
Es
wird ein seltsamer Tag. Das Radio läuft ununterbrochen und verbreitet seine
schlimmen Nachrichten: Die Deutschen rücken vor. Die Deutschen werfen Bomben
ab. Die Deutschen greifen an. Die Deutschen brechen durch … Und draußen
auf der Straße ist es ruhig, als ob das Radio von einem Krieg berichte, der in
Wirklichkeit gar nicht stattfindet. Nach einer Weile merkt Leny,
dass sie nicht mehr zuhört. Lisa jedoch möchte nichts versäumen. Jan, ihr
Verlobter, und ihre beiden Brüder sind als Soldaten eingerückt. Irgendwo kämpfen
sie jetzt. Sie schält sogar die Kartoffeln für das Mittagessen im Wohnzimmer, und
Mams sagt nichts, obwohl Lisa gedankenverloren die
Schalen neben der ausgebreiteten Zeitung auf den Boden fallen lässt.
Paps
hat sich verspätet auf den Weg gemacht und Mams
Fahrrad statt des Firmenautos genommen. Er will trotz allem versuchen, ein paar
Kunden zu erreichen. Auch Mams geht, als es auf der
Straße ruhig bleibt, nach dem Mittagessen in die Stadt, um möglichst viel
einzukaufen. Leny und Carry dürfen nicht mit.
„Am
besten, ihr lernt inzwischen für die Schule“, schlägt Mams
vor.
Leny und Carry setzen sich folgsam an den Esstisch, schlagen
ihre Hefte und Bücher auf und versuchen zu lernen. Aber das Radio stört. Lisa,
die nun den Abwasch erledigen muss, hat es so laut aufgedreht, dass sie es bis
in die Küche verstehen kann.
„Wie
lange wird eigentlich Krieg sein?“, beklagt sich Carry leise. „Ich bekomme
Kopfweh davon.“
Leny hat keine Ahnung.
„Vielleicht
ein paar Tage“, meint sie unsicher.